Föllig Unbedarfte Lübecker (FUL) üben sich in Doppeldenk

Die neueste Lachnummer in der Lübecker Bürgerschaft, die sowieso (leider) immer gut für absurdes Theater ist, nennt sich FUL – „Freie Unabhängige Lübecker“. Es handelt sich dabei um zwei aus ihren früheren Fraktionen ausgeschiedene Bürgerschaftsmitglieder, die als Duo wie Pat und Patachon (oder Laurel und Hardy, Waldorf und Stadtler, Hauser und Kienzle, Ernie und Bert usw.) eine neue Fraktion gegründet haben – wobei andere Parteien vermuteten, daß das nicht aus inhaltlichen, sondern aus finanziellen Gründen geschah (Fraktionen haben Anspruch auf zusätzliche Gelder; in diesem Fall angeblich rund 100.000 Euro jährlich, inzwischen reduziert auf 60.000 Euro, aber immerhin). Erstaunlicherweise ist diese neue angebliche „Wählergemeinschaft“ (die natürlich noch nie von jemandem gewählt wurde, weil sie noch nie zur Wahl gestanden hat) ohne weiteres in der Lage, in Sachen Flughafen zwei oder gar noch mehr Meinungen zu vertreten.

Das ungleiche FUL-Duo besteht aus Jens-Olaf Teschke, zuvor Mitglied der (eher dem konservativen Lager zuzuordnenden) „Bürger für Lübeck“ (BfL), sowie Klaus Voigt, früher bei den Linken und nach Angaben seiner Ex-Genossen zutiefst enttäuscht darüber, daß er dort nicht zum Fraktionsvorsitzenden gewählt wurde.

Herr Teschke war seinerzeit „flughafenpolitischer Sprecher“ der BfL, verließ seine Fraktion aber im März 2010, unter anderem aufgrund fehlender Unterstützung seiner Kandidatur für den Flughafen-Aufsichtsrat durch die BfL-Fraktionsspitze.

Nun sind Anti-Parteien-Gruppierungen in Lübeck nichts Neues. Anläßlich des Rückzugs von „Mister BfL“, Dr. Raimund Mildner, aus der Bürgerschaft resümmierten die Lübecker Nachrichten im August 2011:

Die ULB, die Statt-Partei, Spuk (Sport, Umwelt, Kultur) und Wir – sie sind alle gescheitert.

Sie alle erzählten den von den etablierten Parteien enttäuschten Wählern ähnliches wie heute die BfL und die FUL:

Wir sind nicht schwarz, wir sind nicht rot – wir sind Lübecker!

Gähn. Das hat man so ähnlich schon viel zu oft gehört. Machen wir stattdessen den Flughafen-Test. Auf welchen Kompromiß haben sich Flughafen-Fanboy Teschke und Flughafen-Gegner Voigt für die FUL geeinigt? Aufs Nichtstun und Abwarten.

Die Fraktion ist der Ansicht, dass der Bürgerentscheid zum Flughafen umgesetzt werden muss und nicht mehr in Frage gestellt werden, noch in welcher Form auch immer behindert werden darf. Die Fraktion kann die Entwicklung des Lübecker Flughafens darüber hinaus derzeit nicht absehen und wird sich 2013 hierzu erneut positionieren.

Da freut sich Lübeck natürlich, daß die FUL uns die Gnade einer Entscheidung im Jahre 2013 gewähren wird, wenn das Kind vermutlich endgültig im Brunnen ertrunken sein wird. (Hinweis: der letzte Halbsatz ist absichtlich doppeldeutig 🙂

Viertbauer zieht die Schraube an

Das allein wäre schon lächerlich genug, aber die FUL schafft es, noch eine Schippe draufzulegen. Als deren „flughafenpolitischer Sprecher“ fungiert neuerdings Thomas Viertbauer, im Hauptberuf Leiter der Flugsicherheit Flugsicherung am Flughafen Lübeck.

Und der erzählt nun, was kaum anders zu erwarten war, wieder etwas ganz anderes, schäumt über vor Begeisterung, und das auf der selben Webseite der FUL (nicht etwa auf der, an der er gerade selber bastelt. Weit ist er noch nicht gekommen, aber das verantwortungsvolle Amt als flughafenpolitischer Sprecher der FUL dürfte ihn wesentliche Teile seiner Freizeit kosten.)

Anläßlich einer Schauveranstaltung am Flughafen zum symbolischen Beginn des „Ausbaus Light“ inklusive des neuen Instrumenten-Landesystems (ILS) fantasierte er in einer Pressemitteilung von einer

beeindruckende[n] Unterstützung des Flughafens durch die Lübecker Bevölkerung, die sich mit fast zwei Dritteln im Bürgerentscheid für den Flughafenausbau aussprach.

Durch stetige Behauptung wird diese Fehlinterpretation nicht wahrer. Die Wahrheit: über zwei Drittel der Lübecker Wahlberechtigten beteiligten sich überhaupt nicht an dem Bürgerentscheid, hatten also offenbar keine Meinung. Diese geringe Mobilisierung gereicht, wie mehrfach erwähnt, keinem der beiden Lager zur Ehre, stellt aber die derzeitige Praxis der Bürgerentscheide infrage.

Man stellt sich außerdem unwillkürlich die Frage, ob man auf wirklich einem Flughafen landen möchte, dessen Leiter der Flugsicherheit Flugsicherung nur derart rudimentäre mathematische Kenntnisse vorweisen kann.

Neues ILS gegen Vulkanasche?

Aber Herr Viertbauer hat noch mehr Nebelkerzen auf Lager. Die Aufrüstung auf ein neues Instrumentenlandesystem versucht er, schon halber Politiker, in Zusammenhänge zu stellen, die nicht existieren:

Die in jüngster Vergangenheit durch Vulkanasche aufgetretenen Störungen im Luftverkehr haben eindrucksvoll gezeigt, welchen Stellenwert der Luftverkehr im modernen Leben hat.

Nun würde in einem ähnlichen Fall auch das beste ILS nicht weiterhelfen, denn die Bodensicht war seinerzeit nicht beeinträchtigt; die Flugverbote hatten ganz andere Gründe. Zugegeben, Herr Viertbauer hat das auch nicht behauptet. Aber den uralten Politikertrick, zwei vollkommen unabhängige Sachverhalte in einem Atemzug zu erwähnen und damit in einen Scheinzusammenhang zu bringen, hat er schon ganz gut drauf. Kompliment.

Leben in der Vergangenheit

Und ganz anders als das FUL-Bürgerschaftsduo in seinem „Kurzprogramm“ meint Herr Viertbauer:

Die FUL ist davon überzeugt, dass das Grundkonzept des Flughafens Blankensee stimmig ist und eine auch für die Stadt rentable Geschäftsführung bald realisiert werden kann.

Aber hallo. Das meinen ja inzwischen nicht mal mehr Flughafen-Geschäftsführer und Bürgermeister. Alle bisherigen Konzepte und Planungen sind inzwischen überholt. Neue liegen noch nicht vor – das ist die Realität, laut LN vom 22. September 2011:

Unterdessen hat der Flughafen eine Hamburger Unternehmensberatung damit beauftragt, die tatsächliche Lage schonungslos zu analysieren. Die Agentur soll bis Jahresende eine Handvoll Perspektiven aufzeigen – inklusive der Abwicklung des Flughafens. Erste Ergebnisse wurden jetzt dem Aufsichtsrat des Unternehmens vorgestellt. Klar ist jetzt schon: In Blankensee werden künftig kleinere Brötchen gebacken. … Bisherige Zukunftspapiere wie die Regionalökonomische Studie von 2007 oder das Take-Off-Konzept von 2010 werden abgeräumt.

[Hervorhebung P.K.]

Weiter so? Wohl kaum. Die FUL lebt offenbar immer noch auf dem Ponyhof. Es sei ihr natürlich gegönnt. In der Bürgerschaft ist sie meines unmaßgeblichen Erachtens, wenn sie so weitermacht, vollkommen überflüssig.