Verflossene Vorbilder

Es ist bekannt, daß die Regionalflughäfen in Deutschland – zu ihnen gehört auch die hiesige Landewiese – nicht wirtschaftlich arbeiten und in vielen Fällen auch nie wirtschaftlich betrieben werden können. Interessierte Kreise präsentieren daher alle paar Jahre ein neues Vorbild, das das Gegenteil „beweisen“ soll, gerade so wie ein Zauberer auf einem Kindergeburtstag zum Beifall der Kleinen ein Stoffkaninchen nach dem anderen aus dem Hut holt. Das bislang letzte Kaninchen, das auf dem Lübecker Kindergeburtstag präsentiert wurde, stammt aus dem Allgäu und nennt sich Flughafen Memmingen. Aber was wurde aus dem armen Kaninchen davor, dem Flughafen „Düsseldorf“-Weeze, von dem Lübeck nach Aussagen seines Geschäftsführers viel lernen könne – so viel, daß er die Landewiese fast gekauft hätte?

Die lokale Monopolpresse jubelte am 29. Oktober 2010 (online nicht mehr abrufbar) in einer Artikelüberschrift:

Mit Millionen und Mut: So macht es der Airport Weeze

Um die Pointe vorwegzunehmen: das war wohl der Mut, Millionen von staatlichen Stellen zu kassieren (und bis heute nicht zurückzuzahlen), während man ständig am Rande der Insolvenz balanciert und sich nur mit Tricks rettet.

Quatsch zum Quadrat

Die hiesige Monopolpresse hätte durchaus ohne weitere Recherche skeptisch sein müssen, einzig und allein aufgrund der Äußerungen des Geschäftsführers. Zunächst brüstete er sich mit Wild-West-Methoden:

Das Oberverwaltungsgericht Münster kassierte die Genehmigung des Flughafens ein, Revision gegen das Urteil nicht möglich. … „Wir haben in dem genehmigungslosen Zustand trotzdem Flugzeuge stationiert“, erzählt van Bebber vor dem Flughafenförderverein Check-in in Lübeck.

Und seine Eignung als Wirtschaftsexperte stellt er ebenfalls in Frage:

Ab Januar [2011] werden die Zinsen für die Darlehen an Kleve und Gemeinde Weeze (26,8 Millionen Euro) zurückgezahlt.

Seit wann werden Zinsen zurückgezahlt? Ein Darlehen wird zurückgezahlt, die Zinsen kommen obendrauf; aber zur Tilgung war die Flughafen Niederrhein (FN) GmbH schon damals nicht in der Lage. Das hätten die Lübecker Nachrichten mit Minimal-Recherche im Internet auch selbst herausfinden können. Nichtsdestotrotz durfte sich Herr van Bebber in der Sonntagsausgabe der LN vom 1. November 2010 (online nicht mehr abrufbar) nochmal als erfolgreicher Macher präsentieren, grinsend und sich mit hinter dem Kopf zurückgeschlagenen Armen auf einem Stuhl räkelnd. Bildunterschrift:

Er kann sich entspannt zurücklehnen: Ludgar van Bebber (47) gehört zu den erfolgreichen Airports-Chefs und hat Lübeck besucht.

Einige waren ihm dafür dankbar. Am 9. November 2010 jubilierte Carsten Stier von der Lübecker FDP:

Der Erfolg in Weeze gibt Herrn van Bebber und seinem positiven Konzept Recht!

Wenig später ließ der Flughafen Weeze sich auch noch die Zinszahlungen stunden, die doch angeblich im Januar 2011 hätten beginnen sollten. Hätte sich die Lübecker FDP mal zeitnah informiert.

Und so sieht das Brüssel

Wie nicht anders zu erwarten war, weckten die Ereignisse in Weeze das Interesse der EU-Kommission in ihrer Eigenschaft als oberster Wettbewerbshüter. Eine erste Einschätzung zu den staatlichen Subventionen für den dortigen Flughafen liegt jetzt vor (ein weiteres Verfahren in Sachen Subventionen des Flughafens Weeze für Ryanair ist anhängig).

Der Kernsatz zuerst:

Anhand der vorstehend aufgeführten Sachverhalte kann davon ausgegangen werden, dass die FN [Flughafen Niederrhein] GmbH stets von Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung bedroht war und es auch zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch ist. Ein deutliches Anzeichen dafür ist die wiederholte Unfähigkeit zur Rückzahlung der Darlehen … zu allen bisher festgesetzten Fälligkeitsterminen.

„Ein deutliches Anzeichen“? Ein unumstößlicher Beweis, denke ich. Wie würde wohl eine Bank reagieren, wenn ein Kreditnehmer weder Zinsen noch Tilgung bedienen kann?

Und sowas hat man uns von Seiten der Lübecker Nachrichten und eines Fanboy-Vereins Ende 2010, vor nicht mal zwei Jahren, als Vorbild für Lübeck zu verkaufen versucht. Ob solch geballter Inkompetenz mag man nur noch die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Offensichtlich war die FN GmbH Ende 2010 trotz ihrer Gewinne immer noch nicht in der Lage, die Darlehen zu tilgen oder die fälligen Zinsen zu zahlen,

so die vorläufige Einschätzung der EU-Kommission, die im übrigen auch

die wirtschaftliche Entwicklung der FN GmbH in der Zeit von 2002 bis 2009 als nicht tragfähig

einschätzt.

Die FN GmbH machte von 2002 bis 2006 zunächst Verluste und erreichte 2007 die Gewinnschwelle. Während der Umsatz insgesamt stieg, ging der Umsatz pro Fluggast in der Zeit von 2007 bis 2009 jedoch zurück. 2006 rutschte das Eigenkapital der FN GmbH wegen sich anhäufender Verluste in den negativen Bereich ab. Infolge einer Umwandlung von Darlehensmitteln in Eigenkapital durch ein verbundenes Unternehmen gelangte die Kapitalausstattung der FN GmbH wieder in den positiven Bereich.

So schönt man Bilanzen (da könnte Lübeck vielleicht wirklich noch etwas lernen):

Allem Anschein nach konnte die FN GmbH in der Zeit von 2007 bis 2009 nur durch die Hebung von stillen Rücklagen, d. h. durch die Veräußerung von Vermögensgegenständen an eine neu gegründete Tochtergesellschaft die Gewinnschwelle erreichen und einen Gewinn erzielen. Ohne diesen Verkauf von Vermögensgegenständen wäre die FN GmbH in den Jahren 2007 bis 2009 überschuldet gewesen. Darüber hinaus bestehen die Forderungen aus Lieferungen und Leistungen der FN GmbH hauptsächlich gegenüber ihren Tochtergesellschaften. Des Weiteren unternahm die FN GmbH mit einem Teil ihrer Vermögenswerte Rückmietverkaufsoperationen (Sale-and-Lease-Back-Operations).

Einige dieser Tricksereien hat es so oder ähnlich auch in Lübeck gegeben (ob die EU-Kommission das weiß?), nur haben sie bislang wenig geholfen. Andere Bilanzschönungen werden derzeit von interessierter Seite vorgeschlagen.

Im Fall Weeze war die Öffentlichkeit, sofern sie sich blind auf die hiesigen Fanboys verlasen hat, nicht vor Überraschungen gefeit. Was werden wir wohl in zwei Jahren über das neue „Vorbild“ Memmingen lesen? Ich wage keine Prognose, außer der, daß der „Allgäu Airport“ ohne staatliche Subventionen ebenfalls nicht über die Runden kommen wird.

Nachtrag

Ach ja, da war noch was. Ende 2009 trat die FN GmbH als Interessent für die damals mal wieder zum Verkauf stehende Lübecker Landewiese auf, stellte allerdings nicht genauer bekannte Bedingungen.

Man kann sich mit etwas Fantasie vorstellen, wie das ins niederrheinische Flughafenfirmen-Konglomerat gepaßt hätte: als neue Tochtergesellschaft, mit der man hätte wunderbar jonglieren können. Nur machten da offenbar die verärgerten Geldgeber nicht mit:

Investor Herman Buurman hat Kredite in Höhe von 24,5 Mill. Euro noch nicht an den Kreis Kleve zurückgezahlt. Trotzdem möchte er den Regionalflughafen Lübeck kaufen. Darüber verhandeln er und der Flughafen Niederrhein derzeit mit der Stadt Lübeck. Preis: 25 Millionen Euro. … In der Klever Kreispolitik werden die Kaufpläne überwiegend skeptisch verfolgt. „Wir erwarten, dass Herr Buurman 2010 die kompletten Kredite in Höhe von 24,5 Millionen Euro zurückzahlt. Und nichts anderes”, fordert vehement SPD-Fraktionschef Roland Katzy. Erst wenn diese Schulden zurückgezahlt seien, könne er den Flughafen Lübeck kaufen.

WAZ, 13. Oktober 2009 (online nicht mehr abrufbar)

Herr Buurman hat die Landeweise damals nicht gekauft, so viel steht fest. Aber vielleicht gehört er ja zu den fünf neuen Bewerbern? (Nein, das war nur ein Witz. Oder…?)

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